«Die Gailinger Megille» von Berty Friesländer-Bloch (1896-1993) – Szenische Lesung mit Musik

«Es gab einst eine Kille, gelegen an dem Rhein…»

Im Jahr 1948, nach Deportation, Lager und Flucht blickt Berty Friesländer-Bloch aus ihrem Exil im schweizerischen St. Gallen zurück und dichtet 172 Verse über die Zeit, als das Leben in der jüdischen Gemeinde, der Kehillah von Gailingen, blühte. Ihre Chronik wird lang wie die Megille, das an Purim gelesene Buch Esther.

Die Schauspielerin Claudia Rohrhirs liest in diesem Text- und Musikprogramm ausgewählte Verse und setzt sie behutsam in Szene. Es geht um die zentralen Themen traditionellen jüdischen Lebens: Alltag, Religiosität, Schule, Feste – allen voran der typische Gailinger Purim. Jutta Boden und Marie-Line Meyenhofer verankern die Szenen mit Melodien und Liedern in der weiten Welt jiddischer Musik, zeigen aber auch die Nähe zur unmittelbaren, immer feindseliger werdenden Umgebung auf. Am Ende stehen Trauer und Klage über die Katastrophe und das Mahnen gegen das Vergessen.

Die Gailinger Megille – Szenische Lesung mit Musik

„ötschwär ötschis“, das Glück lag hinter`m Apfelbaum; ein Erzähltheater

Das Ein-Frau Theater gibt Einblick in die Lebensrealität einer Rheintalerin, die 1874 in ärmlichen Verhältnissen, im Schatten der Kreuzberge, das Licht der Welt erblickte. Anfang des 20. Jahrhunderts verliess sie ihr Heimatdorf, um anderswo ihr Glück zu finden.

100 Jahre später lässt sich die Urenkelin in der Heimat der Urgrossmutter nieder, ohne zu wissen was dort vor 100 Jahren geschah. Mal singend, mal tanzend, mal laut, mal leise, erzählt sie diese Geschichte weiter.

Mit ihrem Akkordeon spürt Claudia Rohrhirs erzählend, spielend und musizierend dem ereignisreichen Leben ihrer Urgrossmutter nach. Regionale Sagen und Melodien untermalen die Geschichte der Ahnin und lassen die Zeit von damals für einen Moment lebendig werden.

Eine Frau, ein Wäschekorb und ein Sack voll „Chlüperli“, mit denen die Erinnerungen für einen kurzen Moment festgehalten werden.

Zum Stück

„Ötschwär ötschis“, sagte Hans, als sie ihn das letzte Mal sah. Er stammte nicht aus ihrem Dorf. Niemand wusste von der heimlichen Liebe. Oder etwa doch? Plötzlich hiess es, sie müsse weg. Sie solle den Heinrich heiraten, einen Bäckergesellen aus dem Toggenburg. Mit ihm zog sie fort, in die Ferne, flussabwärts nach Schaffhausen. Dort gäbe es genug Arbeit, dort sei alles besser.

Das Glück hielt sich in Grenzen, vieles kam zu kurz. Die Erinnerungen blieben ein Leben lang.

Das Ufer des Rheins wurde zu ihrem Lieblingsplatz. Dort wusch sie ihre Wäsche und die von reichen Leuten. Die Wäschestücke versanken im Wasser, wie auch ihre Gedanken. Manchmal schien es, als trage der Fluss Neuigkeiten aus der Heimat, dem St. Galler Rheintal, zu ihr herunter. Auch ein Wetterglöckchen glaubte sie zwischendurch zu hören. Am Ufer des Rheins lebten die alten Geschichten auf. Dort  besuchte sie in Gedanken das Dorf ihrer Kindheit. Dort lag sie in den Armen von Hans, dem Protestanten. Dort wurde sie wieder das junge Mädchen, das singt, musiziert, tanzt und lacht und viele Geschichten zu erzählen weiss.

ötschwär ötschis oder öper öpis. Die Zeit vergeht aber öpis bleibt.

„ötschwär ötschis“, das Glück lag hinter`m Apfelbaum; ein Erzähltheater